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12. Stadtwerke-Konferenz in Nürnberg

Stadtwerke sind bereit für dezentrale Energiewende, Regierung muss endlich nachziehen

Das Fazit der 12. EUROSOLAR-Konferenz „Stadtwerke mit Erneuerbaren Energien“, die am 15. und 16. Mai in Nürnberg stattgefunden hat, war eindeutig: Die Regierung muss die richtigen Rahmenbedingungen für die Stadtwerke schaffen. Gemeinsam mit der N-ERGIE Aktiengesellschaft und der Kompetenzinitiative ENERGIEregion Nürnberg e.V. wurden das Potenzial und die Herausforderungen für kommunale Stadtwerke als entscheidende Akteure einer innovativen, dezentralen und erneuerbaren Energieversorgung in den Fokus genommen.

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Konferenzbroschüre (PDF)
Impressionen
Pressemitteilung 

Dienstag, 15. Mai 2018

Der erste Konferenztag wurde mit Grußworten von Rainer Kleedörfer (Prokurist bei der N-ERGIE Aktiengesellschaft) und Margit Conrad (StM a.D. und Vorstand von EUROSOLAR Deutschland) eröffnet, die die rund 100 Fachbesucher aus der gesamten Bundesrepublik in Nürnberg willkommen hießen.

In seiner Einführung hob Dr. Michael Fraas (Vorstandsvorsitzender der ENERGIEregion Nürnberg und Wirtschaftsreferent der Stadt Nürnberg) die bedeutende Rolle der lokalen Energieversorgungsunternehmen in der Metropolregion Nürnberg heraus: „Die Stadtwerke in der Region sind Treiber des nachhaltigen Umbaus unserer Energieversorgungsstrukturen. Sie ermöglichen intelligente, dezentrale Energielösungen.“

EUROSOLAR-Vizepräsident Dr. Fabio Longo stellte daraufhin die von EUROSOLAR seit Langem eingeforderte Neue Energiemarktordnung (NEMO) vor. Er betonte dabei, dass die kommunalen, mittelständischen und bürgerschaftlichen Akteure eine effiziente, kostengünstige und schnelle Energiewende nur dann gestalten können, wenn verlässliche und zukunftsfähige Rahmenbedingungen geschaffen würden, die eine klare Ausrichtung auf 100 % Erneuerbare Energien in konvergenten Märkten für Strom, Wärme und Verkehr zum Inhalt hätten.

Im Rahmen der anschließenden Podiumsdiskussion wurde die Frage diskutiert: „Wie gelingt eine echte Energiewende?“ Konsens bestand weitgehend darin, dass die Energiewende zum Großteil in den Verteilnetzen stattfindet und diesen eine bedeutendere Rolle bei der Netzausbauplanung zukommen müsse. Inwieweit ein zusätzlicher Ausbau der Übertragungsnetze erforderlich sei, wurde heftig diskutiert. Die lebhafte Debatte machte zudem deutlich, dass die größte Hürde für die Umsetzung neuer Geschäftsmodelle von Stadtwerken und Verteilnetzbetreibern immer noch unzeitgemäße gesetzliche Rahmenbedingungen darstellen.

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Nach der Mittagspause ging Rainer Stock (Bereichsleiter Netzwirtschaft beim VKU e.V.) in seinem Impulsvortrag auf die neue Rolle der Verteilnetzbetreiber in einem nachhaltigen und dezentralen Energiesystem ein und forderte mehr Systemverantwortung für diese. Nur die Verteilnetzbetreiber verfügten über die nötigen Kenntnisse der Komplexität vor Ort sowie über die Wirkweisen (Sensitivität) der Maßnahmen, um einen effizienten Einsatz netzdienlicher Flexibilitätsoptionen zu ermöglichen. Er machte aber auch deutlich, dass die Übertragungsnetzbetreiber ihre Machtposition nicht so einfach aufgeben würden. Mit dem Argument „Systemstabilität“ und unter dem Schlagwort „Datentransparenz“ forderten sie neue Zu- und Durchgriffsrechte auf EE-Anlagen, auch im Verteilnetz.

Darauf aufbauend erläuterte Frank Sailer (Leiter Energieanlagen- und Infrastrukturrecht bei der Stiftung Umweltenergierecht) die rechtlichen Rahmenbedingungen für Verteilnetzbetreiber auf EU- und Bundesebene. Dr. Stefan Nykamp (Leiter des Innovationsmanagements bei der Westnetz GmbH) ging in seinem Vortrag auf lokale und regionale Energiezellen ein und stellte fest: „Energiezellen entfalten ihren Nutzen erst mit Wirkung und Interaktion durch smarte Verteilnetze“. Zum Abschluss des Themenblocks stellte Ingo Sigert (Referent strategische Unternehmensentwicklung bei der N-ERGIE Aktiengesellschaft) in einem praxisbezogenen Beitrag das SWARM-Projekt der N-ERGIE vor. Der virtuelle Speicher leistet durch die intelligente Vernetzung von vielen dezentralen Hausspeichern einen Beitrag zur Stabilisierung des Stromnetzes und ermöglicht zugleich neue Ertragsmöglichkeiten für private Eigenheimbesitzer.

Am Nachmittag wurden unter der Überschrift „Konvergenz der Energiemärkte“ smarte Technologien in den Fokus gerückt, mit denen die Sektorenkopplung realisiert werden kann. Dr. Jens Hauch (Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der ENERGIEregion Nürnberg e.V.) präsentierte am Beispiel Nürnberg die Stadt als Energiesystem. Er kam zu dem Schluss, dass die Potenziale für Sektorenkopplung in Nürnberg sehr hoch seien, aber eine Selbstversorgung mit 100 % Erneuerbaren Energien nur unter Einbeziehung des Umlands zu realisieren sei. Im Anschluss wies Karlheinz Ronge (Abteilungsleiter Vernetzte Systeme und Anwendungen vom Fraunhofer IIS) in seinem Vortrag zur IT-Sicherheit darauf hin, dass die Digitalisierung zugleich Fluch und Segen für die Energiewirtschaft darstelle: „Die Anforderungen an die IT-Sicherheit werden durch zunehmende Vernetzung der Sektoren steigen“. Abschließend stellte Marina Braun (Projektentwicklerin für urbane Quartierskonzepte bei der NATURSTROM AG) praxisbezogene Beispiele für die intelligente Sektorenkopplung im Quartier vor.

Auf Einladung der N-ERGIE Aktiengesellschaft und der ENERGIEregion Nürnberg e.V. wurde dem Publikum nach dem inhaltlichen Programm des ersten Tages eine historische Stadtführung durch die Nürnberger Altstadt geboten. Bei einem gemeinsamen Abendessen konnten die Gäste den Tag gemütlich ausklingen lassen.

Mittwoch, 16. Mai 2018

Der zweite Konferenztag startete mit Beiträgen zu einer nachhaltigen Verkehrswende und zu Potenzialen für Kommunalversorger als Mobilitätsdienstleister. Prof. Dr. Andreas Knie (Geschäftsführer der InnoZ GmbH) führte in seinem Impulsvortrag dem Publikum vor Augen, dass die Mobilitätswende vom Gesetzgeber und der etablierten Automobilindustrie nicht gewollt sei und aktuell in Deutschland auch nicht stattfinde. Die E-Mobilität sei auf dem Rückzug, der Individualverkehr steige. „Jeden Tag werden in Deutschland neue Verkehrsflächen in der Größe von 70 Fußballfeldern erschlossen“, so Knie. Das Regelwerk bestimme die Märkte und beeinträchtige die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle in der Sektorenkopplung. Er folgerte daraus: „Erfolgreiche Transformationen von komplexen Mobilitäts- und Energiesystemen brauchen regulatorische Freiräume“. Knie forderte reale Experimentierräume, damit neue Kompatibilitäten im Alltag geschaffen werden können, wie z.B. das Erlernen neuer Mobilitätsrouten.

Dass man die Hoffnung noch nicht ganz aufgeben sollte, machte Matthias Röhrig (Leiter Elektromobilität bei enercity) in seinem Vortrag deutlich, indem er erfolgreiche Geschäftsmodelle für Stadtwerke mit Mobilitätsprodukten vorstellte. „Elektromobilität bietet Energieversorgern große Chancen im Markt und ist prädestiniert einen Beitrag zur Systemstabilität zu leisten“, so Röhrig. Allerdings forderte auch er eine Anpassung des gesetzlichen Rahmens, welcher durch zu viele Auflagen die Entwicklung behindere. In weiteren Beiträgen wurden von Mona Kappel (Geschäftsentwicklerin bei The Mobility House GmbH) und von Markus Rützel (Geschäftsführer der solid GmbH und des Ladeverbunds Franken +) aktuelle Herausforderungen bei der Elektrifizierung von Flotten und bei dem Aufbau einer Ladeinfrastruktur erläutert und diskutiert.

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In dem abschließenden Themenblock stellten die Referentinnen und Referenten Erfahrungen und Strategien für den dezentralen Ausbau Erneuerbarer Energien unter den aktuellen gesetzlichen Rahmenbedingungen vor. Hanno Brühl (Bereichsleiter Energie und Innovation bei den Stadtwerken Tübingen GmbH) erläuterte Potenziale und Hemmnisse des Windkraftausbaus in verschiedenen Kooperationsformen. Er folgerte aus seinen Ausführungen: „Regionale Kooperationen schaffen Akzeptanz vor Ort, brauchen aber die Unterstützung des Gesetzgebers“. Konkret forderte er die Bevorzugung von Stadtwerken und Bürgerenergiegenossenschaften bei der Vergabe von Flächen, die Öffnung des EEG-Deckels, die Lokalisierung von EEG-Ausschreibungsmengen sowie die Einführung einer De-Minimis-Regelung (bspw. bis 10 MW). Die zukünftige Bedeutung regelbarer Erzeuger und wie man durch die Flexibilisierung von KWK-Anlagen neue Ertragspotenziale erzielen kann, zeigte Uwe Welteke-Fabricius (Sprecher des Netzwerks der Fl(ex)perten) dem Publikum. Steffen Kühner vom EM Energiemanagement kritisierte im Anschluss den hohen bürokratischen Aufwand bei der Realisierung von Mieterstromprojekten und forderte: „Dem Mieterstrommodell muss die Komplexität genommen werden.“

In seinem Fazit fasste Dr. Axel Berg (Vorsitzender des Vorstands von EUROSOLAR Deutschland) die beiden Konferenztage noch einmal zusammen und kam zu dem Schluss, dass bestehende veraltete Gesetze und Normen immer noch die größten Hürden für die dezentrale Energiewende seien. „Je erfolgreicher die Energiewende, desto größer auch die Widerstände“, so Berg. Die Vorträge und Diskussionen hätten aber auch gezeigt, dass wirtschaftliche Potenziale, Wille und Technik vorhanden seien. Stadtwerke und andere dezentrale Akteure müssten jetzt mehr denn je weiter voranschreiten und ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen – auch ohne die Unterstützung des Gesetzgebers.